Kritik von M. Hanns über das Konzert vom 31. Juli 2016

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Am 2. August 2016 erschien in den "Dresdner Neueste Nachrichten" eine Kritik von Mareile Hanns über das Abschlusskonzert der 47. SCIW in der Martin-Luther-Kirche Dresden. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion ist es uns erlaubt, diesen Artikel hier zu veröffentlichen.


Ein musikalisches Erlebnis

Chorwochen Finale in der Martin-Luther-Kirche

VON MAREILE HANNS
Es ist schon toll, was eine reichliche Woche intensiver und fröhlicher Probenarbeit aus einem Konglomerat von musikalischen, mehr oder minder begabten Laien zu formen vermag – nämlich eine feste künstlerische Gemeinschaft im Dienste der Musik, die sich ihrer Aufgabe voll und ganz verschrieben hat und dabei ein überaus beachtliches Niveau erreicht.

So geschehen im Rahmen der Sächsischen Chor- und Instrumentalwoche, zu der jährlich von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche eingeladen wird und die unverdrossen und allen gesellschaftlichen Veränderungen zum Trotz seit über vierzig Jahren fortbesteht. Vom unvergessenen Zwickauer Domkantor Paul Eberhard Kreisel 1966 gegründet, hat jetzt Georg Christoph Sandmann die Fäden in der Hand. Und dass seine Begeisterung für die Sache ansteckend ist, ließ sich gleich aus seinen einleitenden Worten beim Abschlusskonzert in der Dresdner Martin-Luther-Kirche folgern.

Das Konzerterlebnis lieferte dann auch den besten Beweis dafür. In diesem Jahr hatte man sich für Louis Spohrs Oratorium „Die letzten Dinge“ entschieden. Irgendwo zwischen Haydn und Mendelssohn Bartholdy stehend, einiges von Spohrs tiefer Bach-Verehrung atmend und Elemente der Spätromantik vorausahnend schrieb Spohr das Werk aus ganz praktischen Gründen für den Gebrauch durch einen Laienchor (wobei die interpretatorischen Anforderungen keineswegs die geringsten sind). Die Uraufführung fand am Karfreitag 1826 statt. Die Themen Tod und Ewigkeit, die Schrecken des Jüngsten Gerichtes, wie es die Offenbarung des Johannes beschreibt, verarbeitete Spohr darin eher aus milder, abgeklärter Sicht.

Kontraste sind seine Sache nicht. Eigentlich gibt es mit dem Chor „Gefallen ist Babylon“ nur eine einzige dramatische Zuspitzung. Der Chor sang ausgesprochen ausdrucksstark und klangschön, bestens vertraut mit dem Werk. Die wundervolle Fuge „Betet an“ gelang besonders gut, ebenso wie der präzise und hochlebendig gestaltete, schon erwähnte „Babylon-Chor“ und die genüsslich ausgekostete, mächtige Prachtentfaltung im Finale, einem eindrucksvollen Lobgesang auf die Allmacht Gottes.

Auf Arien im herkömmlichen Sinn hat Spohr weitestgehend verzichtet. Eng sind Solopassagen (problemlos und schön differenziert die jungen Solisten Viktorija Kaminskaité, Monika Zens, Johannes Pietzonka, Felix-Tillmann Groth) mit den Choraufgaben verquickt. Und auch dabei schlugen sich Chor und Orchester der Chor- und Instrumentalwoche unter Georg Christoph Sandmann höchst achtbar. Letztlich kann es dahingestellt bleiben, ob dieser Wiedererweckungsversuch von Louis Spohrs „Die letzten Dinge“ dazu führen wird, das Oratorium aus seinem Schattendasein zu erlösen. Neben Sandmann ist es Kantorin Katharina Reibiger, die sich aktiv in das Geschehen der Chor- und Instrumentalwoche einbringt. Sie und der Chor präsentierten zu Beginn inhaltsschwere, ebenfalls um Tod und Ewigkeit kreisende a-Cappella-Literatur aus verschiedenen Jahrhunderten – Copland, Schütz, Grieg, Nystedt.

Dabei faszinierten insbesondere die klangliche Homogenität und die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Interpreten in die stilistische Vielfalt vertieften. Über gelegentliche Intonationswackler konnte man getrost hinweghören. Nicht zu vergessen ist das Orgelstück ganz zu Beginn. Es handelte sich um eine Bearbeitung von Arthur Wills, die sich mit Gustav Holsts frohem, britischen Nationalstolz verkörpernden „Jupiter“ aus dessen Zyklus „The Planets“ befasste. Der junge Pascal Kaufmann spielte sie wohl überlegt im Umgang mit Registern und Klangschattierungen, aber auch so frisch und kontrastreich, dass es die reine Freude war, ihm zuzuhören.