2021 - Hohenstein-Ernstthal

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51. Sächsische Chor- und Instrumentalwoche
Datum: 23. bis 30. Juli 2021
Ort: Hohenstein-Ernstthal
Leitung: Georg Christoph Sandmann und Katharina Reibiger
Konzerte vorgesehen in: Gersdorf und Mylau
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Die 51. SCIW – eine besondere Musikwoche in einem besonderen Jahr 2021

bericht checkinAls sich die Teilnehmer der 50. Sächsischen Chor- und Instrumentalwoche am 11.08.2019 nach dem Jubiläumskonzert in der Martin-Luther-Kirche Dresden voneinander verabschiedeten, ahnte wohl niemand, dass im folgenden Jahr eine sich weltweit ausbreitenden Krankheit dafür sorgen würde, dass wir uns nicht wie gewöhnlich und wie von allen gewünscht und gehofft ein Jahr später zum Musizieren wiedersehen würden.

Nachdem zu Beginn des Jahres 2020 das Corona-Virus, das bis dahin noch niemand kannte, in der Welt, in Europa und bald auch in Deutschland immer mehr um sich griff, fanden wir uns alle im Frühjahr plötzlich im Lockdown wieder, gewöhnten uns an Masketragen, Homeoffice und AHA-Regeln. Unsere Chöre und Orchester konnten viele Monate lang nicht proben. Unter diesen Umständen war schnell klar, dass eine SCIW 2020 nicht planbar sein würde, denn die Vorschriften änderten sich ständig, die Corona-Wellen wogten auf und ab und eine Stabilisierung der Situation war vorerst nicht in Sicht. Das OrgTeam hatte deshalb im Mai 2020 schweren Herzens entschieden, dass es in diesem Jahr keine Musikwoche geben würde. Umso mehr hofften alle, dass ein weiteres Jahr später die Umstände soweit handhabbar sein würden, dass ein gemeinsames Musizieren möglich sein könnte. Große Hoffnungen setzte man in die ab Dezember 2020 anlaufende Impfkampagne. Wenn es gelänge, das Infektionsgeschehen mit Hilfe von immer mehr immunisierten Menschen einzugrenzen und zu vermindern, dann müsste doch immer mehr Normalität möglich sein! Und normal ist, dass man miteinander musiziert!

Und es sah gut aus! Wir hatten inzwischen gelernt, mit allerlei Hygieneauflagen umzugehen, sogar selbst Hygienekonzepte zu entwerfen, und so war das OrgTeam schon im Januar 2021 recht zuversichtlich, dass eine etwas andere und zahlenmäßig ein wenig reduzierte SCIW möglich sein würde. Die Zimmerbelegung musste neu überdacht werden, die Sitzordnung im Speisesaal, die Abstände der Musiker untereinander, die Größe der Probenräume, das Freizeitangebot ….

bericht blaeserDas musikalische Programm wurde an der reduzierten Teilnehmerzahl von 70 Mitwirkenden ausgerichtet, und im Juni stand es fest: die 21. SCIW kann mit einem besonderen Hygienekonzept vom 23.07.-01.08.2021 im Bethlehemstift in Hohenstein-Ernstthal stattfinden. Zum ersten Mal sollten die Abschlusskonzerte in Gestalt musikalischer Andachten stattfinden, und zum ersten Mal sollte die zweite Aufführung nicht wie bisher in Dresden, sondern in der Stadtkirche Mylau (bei Reichenbach im Vogtland) erklingen.
Voller Vorfreude machten wir uns am Freitag, 23.07. auf nach Hohenstein-Ernstthal, und es war, als seien wir nie weg gewesen. Nur die neue Bremsschwelle an der Einfahrt zum Bethlehemstift überraschte wohl alle Autofahrer. Alle Anreisenden mussten bei Bettina ein tagaktuelles Negativ-Testergebnis vorweisen oder sich an Ort und Stelle testen lassen. Thomas hatte in ausgeklügelter Feinarbeit einen Zimmer- und Tischbelegungsplan aufgestellt, damit wir möglichst in immer denselben Infektionsgemeinschaften zusammenkamen. Wie sich zeigen sollte, war das eine fundamentale Voraussetzung, um nicht die ganze Gemeinschaft zu gefährden.
Glücklicherweise waren die Inzidenzen im Landkreis Zwickau in diesen Tagen so niedrig, dass wir nicht auf einer Maskenpflicht in den Gebäuden bestehen mussten, und so fühlte sich das Dasein fast normal an. An die getrennten Ess-Bereiche musste man sich ein wenig gewöhnen, aber feste Fahrtgemeinschaften zu den Probenorten und größere Abstände zueinander auf dem Orchesterpodest in der Marienkirche Gersdorf bzw. in den Kirchenbänken von St. Christophori Hohenstein-Ernstthal, wo der Chor probte, waren nicht wirklich ein Problem.
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Für den Chor war das tägliche Singen in der barocken Stadtkirche von HOT eine neue und sehr anregende Erfahrung. Einerseits fühlte es sich sehr gut an, in einem klingenden Raum zu proben, der manche kleine Ungenauigkeit oder Unsicherheit freundlich kaschierte, und der, wenn man gerade dem Alt oder dem Bass bei seinen Einstudierungen lauschte, reichlich Anregung zum Schauen und Bewundern bot. Ich glaube, allen gefielen besonders die wundervollen Glasfenster im Altarraum, durch die gelegentlich dramaturgisch zum richtigen Zeitpunkt das Sonnenlicht flutete und den gesungenen Psalmtext illustrierte. Andererseits erlaubte dieser Raum kein Sich-Dranhängen an den Nachbarn, denn dieser saß weit weg und war wenig zu hören. Man musste also seinen Mut, seine Stimme und seine eigene Vorstellung von der Musik mobilisieren. Wir arbeiteten uns unter Katharina Reibigers Leitung durch den 116. Psalm von Johann Hermann Schein („Das ist mir lieb, dass der Herr meine Stimme und mein Flehen höret“), das „Jauchzet dem Herrn“ op. 69,2 von Felix Mendelssohn Bartholdy, das „Cantate domino“ des litauischen Komponisten Vytautas Miskinis und „An Alleluia Super-Round“ von William Albright. Mit letzterem Werk hat wohl der eine oder andere Chorsänger zunächst ein wenig gefremdelt, denn es handelte sich um eine halbfreie Chorimprovisation, die stets neue und nicht vorhersehbare Klänge hervorbringt - eine durchaus erstmal gewöhnungsbedürftige Geschichte, die ihre Wirkung auf das Publikum aber gewiss nicht verfehlen würde!

bericht sportEinstweilen arbeitete das Orchester in der Gersdorfer Kirche unter Christoph Sandmanns Leitung an der 6. Sinfonie F-Dur „Pastorale“ von Ludwig van Beethoven und an der Konzert Ouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ op. 27 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Das dafür erforderliche Podest war wohl das aufwendigste und umfangreichste in der neueren SCIW-Geschichte, denn es mussten ja coronagerechte Sitzabstände gewährleistet werden. Allein der Aufbau hatte beinahe 8 Stunden gedauert.
Bei unserer ersten Chor-Stellprobe in der Gersdorfer Kirche am Donnertagabend (29:07.) stellten wir überrascht fest, dass uns der dortige Raumklang aufgrund unseres guten Trainings in St. Christophori nunmehr gar nicht überraschen konnte, sondern dass wir bestens darauf vorbereitet waren. Wie schön würde erst das Konzert werden – dachten wir.

bericht streicherAls wir jedoch unverhofft Regina und Bettina im unserer Probe auftauchen sahen und die beiden zudem Masken trugen, was bisher nicht nötig gewesen war, ahnten wir nichts Gutes. Und tatsächlich war das eingetreten, was als Möglichkeit von Anfang an im Raum gestanden hatte, aber von uns allen wohl angesichts der fröhlichen, entspannten und „normalen“ Atmosphäre mehr oder weniger verdrängt worden war: wir hatten einen Infektionsfall in unserer Gemeinschaft. Vom Fleck weg mussten sich vier Chormitglieder als Erstkontaktpersonen in Zimmerquarantäne begeben. Außerdem waren drei Orchestermusiker von der Quarantäne betroffen und zwei weitere isolierten sich freiwillig, da sie der Erkrankten in den Proben ebenfalls recht nahe gekommen waren. Ein kleines Fünkchen Hoffnung ruhte darauf, dass sich das Positiv-Ergebnis des Schnelltests im PCR-Test nicht bestätigen würde, aber dem war leider nicht so. Am Freitag, 30.07. wurde das OrgTeam gegen Mittag vom Zwickauer Gesundheitsamt darüber informiert. Tja, und damit gab es keine andere Möglichkeit mehr, als die diesjährige SCIW zu beenden, um weder Mitwirkende noch Publikum durch eine womöglich weiter um sich greifende Infektion zu gefährden.

bericht abbruchThomas rief die Gemeinschaft für 13.30 Uhr zu einem Treffen am Lagerfeuerplatz zusammen, um allen die Entscheidung mitzuteilen. Ich nehme an, die meisten hatten es schon vermutet und trugen es deshalb mit Fassung. Wie schade, dass wir nun keine Gelegenheit haben würden, die erarbeiteten Werke einem Publikum vorzutragen, das sicher wegen der vielen vorangegangenen Lockdowns und sonstigen Einschränkungen nach Musik dürstete. Wie schade, dass wir unsere Musik nicht einmal mehr einander mit dem erreichten Arbeitsstand vorspielen und vorsingen konnten, ehe wir auseinander gehen mussten. Das hat mich sehr traurig gemacht. Recht schnell zeigte sich aber bei vielen, mit denen ich sprach und auch bei mir selbst, dass die Freude darüber, dass wir überhaupt einen Versuch gemacht hatten, bei weitem überwog. Wir hatten schöne und intensive Tage voller Musik in Hohenstein-Ernstthal gehabt, was bis dahin seit langem nicht der Fall gewesen war, wir hatten Freunde und Bekannte wiedergesehen und neue Menschen kennengelernt. Wir waren vom Bethlehemstift und seiner Mannschaft wie immer verwöhnt worden, hatten uns bei Patricias Morgensportrunde, Zumba oder Achtsamkeits- und Rückengymnastik erholt, konnten uns zu den morgendlichen Andachten versammeln und hatten einen grandiosen Bunten Abend erlebt. Auch das Dirigierseminar hatte stattfinden können. Das Open Air Flair empfand ich vielen Dingen als sehr zuträglich, besonders schön war es am Bunten Abend. Vielleicht sollten wir das beibehalten – mit oder ohne Corona.
Die meisten von uns machten sich im Laufe des Freitagnachmittags und -abends auf den Heimweg. Eine kleine Runde blieb bis Samstag und konnte so noch einen letzten gemeinsamen Abend am Lagerfeuer genießen. Nur die in Zimmerquarantäne Verbliebenen konnten lediglich aus der Ferne wehmütig zuhören.
Das OrgTeam nutzte die Gelegenheit, am Samstag nach dem Frühstück gleich die erste Beratung mit Blick auf das nächste Jahr abzuhalten und die ersten Weichen zu stellen.
Schließlich verabschiedeten wir uns wie immer bis zur nächsten gemeinsamen Musikwoche im Jahr 2022, in der Hoffnung, dass alle gesund und zuversichtlich bleiben und die schöne Musik, an der wir gearbeitet hatten, im Herzen behalten.

Katharina Fiedler
01.08.2021